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Grußwort zum Festival von Dr. Michael Schmidt-Salomon

Philosoph, Schriftsteller, Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung

»Was verbindet die Herren Trump und Erdoğan mit dem Karlsruher Gemeinderat? Richtig, sie allesamt haben sich 2017 darum bemüht, das überholte Konzept einer "göttlichen Schöpfung" ins öffentliche Bewusstsein zu rücken: Trump, indem er kreationistische Privatschulen mit Millionen-Beträgen subventionierte; Erdoğan, indem er die Evolutionstheorie aus den Schulen verbannte – und der Karlsruher Gemeinderat, indem er beschloss, die städtischen U-Bahnstationen mit dem Kunstprojekt "Genesis – 7 Tage des Herrn" auszustatten.

Trump und Erdoğan wussten allerdings, was sie taten. Denn das Verbreiten von Fake News ist seit jeher ein probates Mittel autoritärer Herrschaft, gemäß dem Motto "Auf hohlen Köpfen ist gut trommeln" (Deschner). Derartige Bestrebungen sind dem Karlsruher Gemeinderat sicherlich fern. Was also brachte die städtischen Abgeordneten dazu, für Lüpertz‘ "Schöpfungskunst" zu stimmen? Allem Anschein nach waren sie von der Aussicht auf eine neue Tourismusattraktion derart begeistert, dass sie das Offensichtliche übersahen, nämlich dass religiöse Kunst nicht in den öffentlichen Raum gehört – schon gar nicht am Ort des Bundesverfassungsgerichts, nach dessen Auffassung der Staat nur dann eine "Heimstatt aller Bürger" sein kann, wenn er sich strikt an das Gebot der "weltanschaulichen Neutralität" hält.

Erfreulicherweise haben sich gegen die "7 Tage des Herrn" nicht nur in Karlsruhe, sondern bundesweit viele kritische Stimmen erhoben, die darauf hingewiesen haben, dass es keineswegs "hip" und "weltoffen", sondern borniert und antiquiert ist, 150 Jahre nach Darwins "Entstehung der Arten" die "Schöpfungslüge" (Dawkins) im öffentlichen Raum zu promoten. Das Festival "7 Tage sind nicht genug" soll diesen kritischen Stimmen ein Forum bieten und dabei auch verdeutlichen, warum es heute so wichtig ist, sich mit dem Thema "Evolution" zu beschäftigen. 

Fakt ist nämlich: Die Evolutionstheorie bildet nicht nur ein zentrales Fundament des modernen Weltbildes, sie ist zudem ein hochwirksames Instrument der Fundamentalismus-Prophylaxe: Denn wer die große Geschichte des Lebens begriffen hat, wird sich von den kleinen, hinterwäldlerischen Konzepten religiöser Fundamentalisten und Nationalisten nicht mehr beeindrucken lassen. Dies ist auch der Grund dafür, weshalb Trump, Erdoğan & Co die Evolutionstheorie so heftig bekämpfen – und warum wir sie im Kampf für die offene Gesellschaft unbedingt verteidigen müssen. In diesem Sinne wünsche ich dem Festival "7 Tage sind nicht genug" jeden nur erdenklichen Erfolg!«

Michael Schmidt-Salomon, Dr. phil, ist Philosoph und Schriftsteller sowie Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung. Seine Bücher (u.a. «Hoffnung Mensch», «Keine Macht den Doofen», «Jenseits von Gut und Böse») wurden in Deutschland, Österreich und der Schweiz über 250.000mal verkauft und in mehrere Sprachen übersetzt. Laut dem «Global Thought Leader Index» zählt er zu den «einflussreichsten Ideengebern im deutschsprachigen Raum».